Samstag, 18. Mai 2013

Interview mit einem "Piraten" aus Bad Wiessee

“Du hast keine Chance, aber nutze sie!”

Die Piratenpartei. Vor knapp einem halben Jahr war der Hype um sie noch groß. Mit ihren politischen Zielen und alternativen DenkansĂ€tzen mischten sie die Politiklandschaft in Deutschland ordentlich auf.

Mittlerweile ist es um die Partei wieder ruhiger geworden. Das bedeutet aber nicht, dass sie verschwunden ist. Wir haben uns mit einem der Piraten aus dem Landkreis unterhalten. Gerhard Brugger ist 66, lebt in Wiessee und passt so gar nicht in das Bild eines “abgedrehten Politikspinners.”

Gerhard Brugger ist Pirat und aus Bad Wiessee

Auf den ersten Blick sieht man Gerhard Brugger nicht an, was fĂŒr ein bewegtes Leben er bereits hinter sich hat und vor allem was laut eigener Aussage noch fĂŒr Ideen in seinem Kopf schlummern.

Auch darauf dass man einen echten Politiker vor sich sitzen hat, wĂŒrde man mit nicht sofort kommen.

Verkappte Kommunisten

Brugger war schon einmal in einer öffentlichen Position: Als erster Kreisrat der GRÜNEN im Landkreis Miesbach. „Das war damals eine riesen Revolution. Die dachten alle wir wĂ€ren verkappte Kommunisten“, erinnert sich der 66-jĂ€hrige.

Diese Position musste er allerdings aus beruflichen GrĂŒnden wieder aufgeben. „Ich war damals viel auf Reisen und konnte deswegen meinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Darum habe ich damals mein Mandat niedergelegt“, erzĂ€hlt Brugger.

Der studierte PĂ€dagoge begann seine Karriere in Köln als Lehrer in einem Montessori Gymnasium. Dort blieb er dann bis 1978 und schied schließlich als Studienrat und Vertrauenslehrer aus, um sich einer neuen Herausforderung zu widmen: Der Fotografie.

Er machte eine zweite Ausbildung zum Fotografen, wurde Geselle und grĂŒndete mit einer Kollegin Bennys Buidl Fabrik. Heute ist Brugger Erfinder und Entwickler von Steuerungen und AnalysegerĂ€ten und hĂ€lt mehr als zehn Patente.

„Ich war schon immer politisch interessiert“, meint Brugger auf die Frage warum er sich denn jetzt wieder mehr engagieren will: „Und zurzeit passieren einfach Sachen in der Politik, die mir persönlich nicht gefallen.“

Dass er dabei ausgerechnet auf die Piraten gekommen ist, hĂ€ngt wohl auch mit einigen seiner “radikalen Ideen” zusammen. Er sei zwar kein Revoluzzer, aber fĂ€ngt gerne da an nachzudenken, wo andere aufhören wĂŒrden, zeigt sich Brugger selbstbewusst.

ZunĂ€chst einmal brauchen wir in der Politik mehr Unternehmer als Verwalter. Leute die wissen, dass wenn sie etwas falsch machen, sie auch dafĂŒr bezahlen mĂŒssen. Im Moment haben wir so viele Beamte in den Parlamenten, die sofort wieder in ihren alten Beruf zurĂŒckkönnen, wenn mal etwas schief geht.

Doch das ist nicht einzige Forderung, die Brugger stellt. Auch vor Ort im Tal wĂŒnscht er sich einige VerĂ€nderungen: „Nehmen wir zum Beispiel mal das Gut Kaltenbrunn. Da ist die Frau Schörghuber ganz einfach beleidigt und lĂ€sst das Gut verfallen.“ In der Verfassung wĂŒrde stehen, dass Eigentum verpflichtet. Deswegen lautet Bruggers Forderung, dass man sie enteignen soll. Das wĂŒrde zwar vermutlich nicht funktionieren, aber ihrem Image wĂŒrde es auf jeden Fall einen gehörigen Schlag verpassen.

Kostenlose Busfahrten fĂŒr jeden

Zudem ist Brugger ĂŒberzeugt, dass sich kostenlose Busfahrkarten nicht nur fĂŒr Touristen, sondern auch fĂŒr Einheimische auszahlen wĂŒrden. Sollte dies aus dem Jahresetat der Gemeinden nicht komplett zu finanzieren sein, könne man ja einen jĂ€hrlichen Beitrag von 100 Euro von jedem BĂŒrger als Einzelperson verlangen. Eine Familie mit Kind wĂŒrde allerdings gemeinsam den selben Preis zahlen.

DarĂŒber hinaus hat der 66-jĂ€hrige auch noch jede Menge weitere Ideen parat, mit denen er das Leben am Tegernsee verbessern möchte. Allerdings ist er sich dabei durchaus bewusst, dass viele davon nicht mehrheitsfĂ€hig sind.

Ich bin Realist, kein TrÀumer. Doch das ist ja gerade das Schöne, wir kennen keinen Fraktionszwang und können frei nach unserem Gewissen abstimmen, wie es eigentlich jedem Politiker in Deutschland per Gesetz zusteht.

Und auch wenn laut Brugger ein Pirat in den GemeinderĂ€ten rund um den Tegernsee „sehr sinnvoll“ wĂ€re, sei das wohl doch eher unwahrscheinlich. Trotzdem zeigt er sich optimistisch. „Bei diesem Thema halte ich es mit unserem Bayerischen Philosophen Achterbusch. Du hast keine Chance, aber nutze sie.“

Reform des Urheberrechts

Wer die Piraten aus dem Landkreis einmal live treffen möchte, der hat bereits morgen die Chance dazu. Im Rahmen der Veranstaltung „Piraten aus dem Landkreis diskutieren eine Reform des Urheberrechts“, wird unter anderem Gerhard Brugger ab 19:30 Uhr im Gasthof zur Post in Wiessee anwesend sein.

Hauptredner ist allerdings Bruno Kramm, politischer GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Bayerischen Piratenpartei, der ĂŒber die Probleme des aktuellen Urheberrechts sprechen wird. Der Einlass ist frei.

Moderation von Kommentaren

Die Moderation liegt bei der Redaktion. FĂŒr uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erwĂŒnscht, persönliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette.

  • Piratin

    Hoffentlich geht Herr Brugger zu der Piraten-Veranstaltung, denn da wird er als Urheber (Fotograf, diverse Patente) mit den Ohren schlackern, wenn er hört, was die Piraten in Sachen Urheberrecht im Schilde fĂŒhren: Alles soll möglichst umsonst sein, so wie Busfahren rund um den Tegernsee, und wenn nicht umsonst, dann sollen halt “alle” (also auch Nicht-Busfahrer) eine Pauschale oder Flatrate zahlen (fĂŒr Busfahren, oder aber fĂŒr Kultur, also BĂŒcher, Musik usw.). TrĂ€umt weiter, Piraten.

    • Gerhard Brugger

      Kommen Sie zu der Veranstaltung, dann werden Sie merken, dass das nicht stimmt.
      Wir wollen das Urheberrecht nicht abschaffen sondern reformieren und an die Möglichkeiten des Internets anpassen.
      FrĂŒher war auch das Fotokopieren einer Buchseite und das Aufzeichnen eines Songs auf ein Tonband strafbar. Auch damals kam es zu einer Reform, die den privaten Nutzer schĂŒtzte und die Produzenten entschĂ€digte.
      Wir machen die Veranstaltung ĂŒber die Reform des Urheberrechts um mit den von der Presse verbreiteten Vorurteilen aufzurĂ€umen und um aus den kritischen BeitrĂ€gen der Besucher zu lernen.
      Wir wĂŒrden uns ĂŒber Ihren Besuch und Ihre DiskussionsbeitrĂ€ge sehr freuen:
      Mittwoch 3.10.2012 im Gasthof Post am Lindenplatz in Bad Wiessee um 19:30 Uhr

      • Piratin

        FrĂŒher hat man keine ganzen BĂŒcher kopiert, und eine Schallplatte vielleicht fĂŒr die zwei, drei besten Spezln. Heute kann man mit einem Klick seine 700 besten facebook-Freunde mit einem Buch oder Album beglĂŒcken. Das ist schon ein Unterschied. Und was die Piraten als “reformieren” bezeichnen, das kann man in deren eigenen Unterlagen nachlesen.

        Zitat: Die Piraten geben ja selbst zu, dass sie die KĂŒnstler enteignen möchten. Ich zitiere mal aus dem Piraten-Programm: “Problem bei der KĂŒrzung von Schutzfristen – die Enteignung.
        Man mag zum Thema “geistiges Eigentum” philosophisch stehen wie man will. (…) Bei einer VerkĂŒrzung von Schutzfristen wird man sich jedenfalls schnell mit dem Thema Enteignung beschĂ€ftigen mĂŒssen.” Quelle: http://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/0/07/UrhG_Arguments_FassungBPT2011-2.pdf

        Gruß, Piratin

        • Gerhard Brugger

          Enteigenen kann man einen KĂŒnstler nur zu Lebzeiten. Die Urheberschutzfrist endet heute 70 Jahre nach dem Tod eines KĂŒnstlers. Die Laufzeit der Schutzfrist ist in der Vergangenheit mehrmals geĂ€ndert worden. Wir Piraten streben im Einklang mit Verfassung und Grundgesetz eine VerkĂŒrzung der Schutzfrist auf 10 Jahre nach dem Tod an.
          Die Schutzfrist eines Patents, ebenfalls geistiges Eigentum endet bereits 20 Jahre nach der Anmeldung, also noch meist zu Lebzeiten des Erfinders.
          Warum die grossen Unterschiede?

  • Sepp Huber

    Wie schnell sich eine Meinung Àndern kann, hat man gesehen, als Oberpiratin Julia Schramm selbst (bzw. deren Verlag) die AnwÀlte auf die illegalen Kopierer ihres eigenen Buches losgelassen hat:

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/verlag-will-gegen-illegalen-download-von-klick-mich-vorgehen-a-856370.html

    • Gerhard Brugger

      Sehe ich auch so