Freitag, 18. April 2014

Energiewende fÀngt vor Ort an

Wie die Windkraft ins Tal kommt

In touristischen Gebieten wie dem Tegernseer Tal sollen auch zukĂŒnftig keine WindrĂ€der stehen. Alles sĂŒdlich der Bundesstraße 472 – von Irschenberg kommend in Richtung Bad Tölz – scheidet grob gesagt als Standort aus, weiß Peter Haberzettl, Vorstand der Energiewende Oberland.

FĂŒr den Landkreis Miesbach sieht das Klimaschutzkonzept insgesamt fĂŒnf mindestens 120 Meter hohe Windkraftanlagen vor. Ziel sei es, so etwa acht Prozent der erneuerbaren Energien fĂŒr Strom bis zum Jahr 2020 aus Windkraft zu gewinnen. „Mit einem modernen Windrad können rund 2.000 Haushalte versorgt werden“, zeigt sich der Experte fĂŒr erneuerbare Energien optimistisch.

Die Windkraft gilt als teilweise umstrittenes Thema

Die Gegner der Anlagen in der Region, etwa die Initiative Windradfreies Voralpenland, geben an, dass die WindertrĂ€ge im Oberland zu gering seien. Dies soll der „Bayerische Windatlas“ widerlegen. Darin sind die mittleren Windgeschwindigkeiten mit 4,5 bis 7,0 Meter pro Sekunde angegeben. Ab einem Wert von 5,5 in Nabenhöhe ließen sich Windenergieanlagen wirtschaftlich betreiben, heißt es in der Studie, die das Bayerische Verkehrsministerium herausgegeben hat.

er Windatlas fĂŒr SĂŒdbayern mit den mittleren Jahreswerten in 140 m Höhe über Grund.

Neben den geringen ErtrĂ€gen, auf welche die Initiative hinweist, sind teilweise auch möglicherweise betroffene Anlieger gegen die Aufstellung. Sie fĂŒrchten um Belastungen durch LĂ€rm, Elektrosmog beziehungsweise periodischen Schattenwurf.

Auch Ornithologen machen auf eine mögliche hohe MortalitĂ€t bei Vögeln und FledermĂ€usen aufmerksam. Besonders, wenn es um Gebiete geht, die als Flugkorridore von Zugvögeln, Habitate von Großvögeln und gefĂ€hrdeten Arten geht. So hat beispielsweise der am Taubenberg beheimatete Schwarzstorch einen Lebensraumradius von zehn Kilometern, der geschĂŒtzt werden muss.

Er ist nach wie vor ein seltener und gefĂ€hrdeter Brutvogel in Bayern und durch direkte Eingriffe am Horst beziehungsweise im Umfeld gefĂ€hrdet. Das macht einen solchen Platz unmöglich als Standort. „Drei von vieren fallen deshalb schon einmal raus“, erzĂ€hlt Haberzettl.

Trotz hoher Anforderungen sollen die WindrÀder kommen

Auch immissionsschutzrechtliche und baurechtliche Auflagen mĂŒssen erfĂŒllt werden. Windenergieanlagen sind technische Elemente mit großer visueller AuffĂ€lligkeit und passen nicht in jedes Landschaftsbild. Die Grenzen der Belastbarkeit durch Schallimmissionen sind klar definiert. HauptlĂ€rmquelle sind die sich im Wind drehenden riesigen RotorblĂ€tter.

Bei den WindkraftbefĂŒrwortern scheint man trotz hoher Anforderungen guter Dinge zu sein, bereits zwei geeignete Standorte gekennzeichnet zu haben. Mit Natur- und VogelschĂŒtzern sowie Verantwortlichen des Landkreises hatte man sich kĂŒrzlich zu Unterredungen getroffen, um in Sachen Auswahl weiterzukommen und eventuelle gegensĂ€tzliche Positionen abzuprĂŒfen.

Ein Standort nördlich von Valley und ein Platz im Norden von Holzkirchen, den man gemeinsam mit den Gemeinden Sauerlach und Brunnthal betreiben möchte, sind inzwischen identifiziert. Der zweitere Standort nahe der Autobahn A8 im Hofoldinger Forst bietet laut Haberzettl vor allem den Vorteil, dass keine direkten Anlieger existieren und der EigentĂŒmer, der Bayerische Staatsforst, sich Ă€ußerst interessiert zeigt.

Energiewende will die Anlagen – aber nicht um jeden Preis

Die Energiewende will WindrĂ€der. Und auch regionale Energieversorger – wie das E-Werk Tegernsee – wĂŒrden laut Haberzettl großteils hinter der Technologie stehen. Betroffene BĂŒrgermeister werden ohnehin beteiligt, da die Gemeinden die Planungshoheit innehaben.

Auch der Bund Naturschutz begrĂŒĂŸt auf seiner Website offiziell die Nutzung der Windkraft als Energiequelle. Doch die Entscheider möchten besonders bewusst agieren. „Wir wollen nicht in jedes Eckerl ein Radl reinzwicken“, betont Haberzettl. Pro Windkraft – aber nicht um jeden Preis, sondern mit allen Auflagen. Auf diese Weise will man die Energiewende erreichen.

Wichtig ist den Entscheidern vor allem, dass die BĂŒrger frĂŒhzeitig mit ins Boot geholt werden. Das hat zudem den angenehmen Nebeneffekt, dass Widerstand frĂŒhzeitig abgebaut wird, weil die Bevölkerung sich ausreichend informiert fĂŒhlt.

Das Ziel der Energiewende Oberland ist, sogenannte BĂŒrgerwindkraftanlagen zu realisieren, bei denen sich eine Vielzahl von BĂŒrgern mit ihrem Geld beteiligt. Der EWO-Chef spricht von 500 Euro pro Kopf. „Mit allem Drum und Dran kostet ein Windrad an die vier Millionen“, erörtert er. Bei erst einmal drei Anlagen wĂ€ren das rein rechnerisch an die zwölf Millionen, die die LandkreisbĂŒrger gemeinsam zu stemmen hĂ€tten. „Eine sinnvolle grĂŒne Anlage“, wie Haberzettl findet.

Und wie kommt der Strom dann vom Nordlandkreis beispielsweise nach Wildbad Kreuth? Auch der Ausbau der Speicher- und Transportnetze lĂ€uft offenbar auf Hochtouren. Vor Kurzem habe Haberzettl RĂŒckmeldung von Albert Götz, dem GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Holzkirchner Gemeindewerke bekommen, dass der Bau der 20.000-Volt-Leitungen laufe. Somit wĂ€re das Ortsnetz Holzkirchen bald anschlussfĂ€hig. Das Landkreisnetz könnte folgen. Damit wĂ€ren die Tore offen, um den Kreis bis in die letzten Winkel zu versorgen.

Energiewende fÀngt vor Ort an

Dessen sind sich auch Mitglieder des Bayerischen Landtags sicher. „Das Oberland kann Vorreiter bei der Energiewende werden, zum Modell und Vorbild fĂŒr andere Regionen in Bayern, Deutschland und Europa.“ Davon sprach der parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer Florian Streibl, der sich fĂŒr Energiewende sowie Speicher- und Netzausbau stark macht. In den kommenden Monaten will er sich mit VerbĂ€nden, Firmen und BĂŒrgerinitiativen treffen, um ĂŒber Möglichkeiten einer Modellregion Oberland zu sprechen.

Die Windkraft steht gerade in Bayern erst am Anfang ihrer Nutzung. Erschwert wurde sie bisher durch eine fehlende planerische Zielkonzeption der Staatsregierung wie auch durch Konflikte, wenn es um die BeeintrÀchtigung von Natur und Landschaft durch Windkraftanlagen ging.

Solche Konflikte sind laut BN zu vermeiden, wenn die Standortvorauswahl frĂŒhzeitig sowie nach transparenten und nachvollziehbaren ökologischen Kriterien geschieht. Windkraftwerke am falschen Ort oder in falscher Dimensionierung können Umweltbelastungen darstellen: Abstandsvorgaben, Vogelschutz, naturrelevante Dinge, Bergblick – alles muss optimal eingehalten werden, damit ökologische Windkraft auch funktioniert.

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  • veritas

    Informativer Bericht.

    Allerdings musste ich schon etwas schmunzeln beim Kommentar des Florian Streibl. Das Oberland als Vorbild fĂŒr Europa in der Energiewende? Das Oberland (vor allem der SĂŒden) ist einfach zu touristisch geprĂ€gt um ein Vorreiter sein zu können.
    Abgesehen davon gibt es doch schon zig Regionen wo der Ausbau bei den Regenerativen schon viel weiter ist.

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