Energiewende fängt vor Ort an

Wie die Windkraft ins Tal kommt

In touristischen Gebieten wie dem Tegernseer Tal sollen auch zukünftig keine Windräder stehen. Alles südlich der Bundesstraße 472 – von Irschenberg kommend in Richtung Bad Tölz – scheidet grob gesagt als Standort aus, weiß Peter Haberzettl, Vorstand der Energiewende Oberland.

Für den Landkreis Miesbach sieht das Klimaschutzkonzept insgesamt fünf mindestens 120 Meter hohe Windkraftanlagen vor. Ziel sei es, so etwa acht Prozent der erneuerbaren Energien für Strom bis zum Jahr 2020 aus Windkraft zu gewinnen. „Mit einem modernen Windrad können rund 2.000 Haushalte versorgt werden“, zeigt sich der Experte für erneuerbare Energien optimistisch.

Die Windkraft gilt als teilweise umstrittenes Thema

Die Gegner der Anlagen in der Region, etwa die Initiative Windradfreies Voralpenland, geben an, dass die Winderträge im Oberland zu gering seien. Dies soll der „Bayerische Windatlas“ widerlegen. Darin sind die mittleren Windgeschwindigkeiten mit 4,5 bis 7,0 Meter pro Sekunde angegeben. Ab einem Wert von 5,5 in Nabenhöhe ließen sich Windenergieanlagen wirtschaftlich betreiben, heißt es in der Studie, die das Bayerische Verkehrsministerium herausgegeben hat.

er Windatlas für Südbayern mit den mittleren Jahreswerten in 140 m Höhe über Grund.

Neben den geringen Erträgen, auf welche die Initiative hinweist, sind teilweise auch möglicherweise betroffene Anlieger gegen die Aufstellung. Sie fürchten um Belastungen durch Lärm, Elektrosmog beziehungsweise periodischen Schattenwurf.

Auch Ornithologen machen auf eine mögliche hohe Mortalität bei Vögeln und Fledermäusen aufmerksam. Besonders, wenn es um Gebiete geht, die als Flugkorridore von Zugvögeln, Habitate von Großvögeln und gefährdeten Arten geht. So hat beispielsweise der am Taubenberg beheimatete Schwarzstorch einen Lebensraumradius von zehn Kilometern, der geschützt werden muss.

Er ist nach wie vor ein seltener und gefährdeter Brutvogel in Bayern und durch direkte Eingriffe am Horst beziehungsweise im Umfeld gefährdet. Das macht einen solchen Platz unmöglich als Standort. „Drei von vieren fallen deshalb schon einmal raus“, erzählt Haberzettl.

Trotz hoher Anforderungen sollen die Windräder kommen

Auch immissionsschutzrechtliche und baurechtliche Auflagen müssen erfüllt werden. Windenergieanlagen sind technische Elemente mit großer visueller Auffälligkeit und passen nicht in jedes Landschaftsbild. Die Grenzen der Belastbarkeit durch Schallimmissionen sind klar definiert. Hauptlärmquelle sind die sich im Wind drehenden riesigen Rotorblätter.

Bei den Windkraftbefürwortern scheint man trotz hoher Anforderungen guter Dinge zu sein, bereits zwei geeignete Standorte gekennzeichnet zu haben. Mit Natur- und Vogelschützern sowie Verantwortlichen des Landkreises hatte man sich kürzlich zu Unterredungen getroffen, um in Sachen Auswahl weiterzukommen und eventuelle gegensätzliche Positionen abzuprüfen.

Ein Standort nördlich von Valley und ein Platz im Norden von Holzkirchen, den man gemeinsam mit den Gemeinden Sauerlach und Brunnthal betreiben möchte, sind inzwischen identifiziert. Der zweitere Standort nahe der Autobahn A8 im Hofoldinger Forst bietet laut Haberzettl vor allem den Vorteil, dass keine direkten Anlieger existieren und der Eigentümer, der Bayerische Staatsforst, sich äußerst interessiert zeigt.

Energiewende will die Anlagen – aber nicht um jeden Preis

Die Energiewende will Windräder. Und auch regionale Energieversorger – wie das E-Werk Tegernsee – würden laut Haberzettl großteils hinter der Technologie stehen. Betroffene Bürgermeister werden ohnehin beteiligt, da die Gemeinden die Planungshoheit innehaben.

Auch der Bund Naturschutz begrüßt auf seiner Website offiziell die Nutzung der Windkraft als Energiequelle. Doch die Entscheider möchten besonders bewusst agieren. „Wir wollen nicht in jedes Eckerl ein Radl reinzwicken“, betont Haberzettl. Pro Windkraft – aber nicht um jeden Preis, sondern mit allen Auflagen. Auf diese Weise will man die Energiewende erreichen.

Wichtig ist den Entscheidern vor allem, dass die Bürger frühzeitig mit ins Boot geholt werden. Das hat zudem den angenehmen Nebeneffekt, dass Widerstand frühzeitig abgebaut wird, weil die Bevölkerung sich ausreichend informiert fühlt.

Das Ziel der Energiewende Oberland ist, sogenannte Bürgerwindkraftanlagen zu realisieren, bei denen sich eine Vielzahl von Bürgern mit ihrem Geld beteiligt. Der EWO-Chef spricht von 500 Euro pro Kopf. „Mit allem Drum und Dran kostet ein Windrad an die vier Millionen“, erörtert er. Bei erst einmal drei Anlagen wären das rein rechnerisch an die zwölf Millionen, die die Landkreisbürger gemeinsam zu stemmen hätten. „Eine sinnvolle grüne Anlage“, wie Haberzettl findet.

Und wie kommt der Strom dann vom Nordlandkreis beispielsweise nach Wildbad Kreuth? Auch der Ausbau der Speicher- und Transportnetze läuft offenbar auf Hochtouren. Vor Kurzem habe Haberzettl Rückmeldung von Albert Götz, dem Geschäftsführer der Holzkirchner Gemeindewerke bekommen, dass der Bau der 20.000-Volt-Leitungen laufe. Somit wäre das Ortsnetz Holzkirchen bald anschlussfähig. Das Landkreisnetz könnte folgen. Damit wären die Tore offen, um den Kreis bis in die letzten Winkel zu versorgen.

Energiewende fängt vor Ort an

Dessen sind sich auch Mitglieder des Bayerischen Landtags sicher. „Das Oberland kann Vorreiter bei der Energiewende werden, zum Modell und Vorbild für andere Regionen in Bayern, Deutschland und Europa.“ Davon sprach der parlamentarische Geschäftsführer Florian Streibl, der sich für Energiewende sowie Speicher- und Netzausbau stark macht. In den kommenden Monaten will er sich mit Verbänden, Firmen und Bürgerinitiativen treffen, um über Möglichkeiten einer Modellregion Oberland zu sprechen.

Die Windkraft steht gerade in Bayern erst am Anfang ihrer Nutzung. Erschwert wurde sie bisher durch eine fehlende planerische Zielkonzeption der Staatsregierung wie auch durch Konflikte, wenn es um die Beeinträchtigung von Natur und Landschaft durch Windkraftanlagen ging.

Solche Konflikte sind laut BN zu vermeiden, wenn die Standortvorauswahl frühzeitig sowie nach transparenten und nachvollziehbaren ökologischen Kriterien geschieht. Windkraftwerke am falschen Ort oder in falscher Dimensionierung können Umweltbelastungen darstellen: Abstandsvorgaben, Vogelschutz, naturrelevante Dinge, Bergblick – alles muss optimal eingehalten werden, damit ökologische Windkraft auch funktioniert.

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  • veritas

    Informativer Bericht.

    Allerdings musste ich schon etwas schmunzeln beim Kommentar des Florian Streibl. Das Oberland als Vorbild für Europa in der Energiewende? Das Oberland (vor allem der Süden) ist einfach zu touristisch geprägt um ein Vorreiter sein zu können.
    Abgesehen davon gibt es doch schon zig Regionen wo der Ausbau bei den Regenerativen schon viel weiter ist.