Freitag, 18. Mai 2012 (04:14 Uhr)

Verkehrskollaps im Tegernseer Tal

Studie entzaubert Mautsparer-Mythos

Auf dem Diskussionsabend der CSU am 18. Januar wurde intensiv über das Thema “Ersticken wir im Verkehr” informiert und debattiert. Dabei wurden zwei Dinge klar: Das Verkehrsproblem polarisiert. Und jeder hat sein ganz persönliches Lösungskonzept gegen den Kollaps im Tegernseer Tal.

Leider fehlte vielen ernstgemeinten Vorschlägen, wie die Errichtung einer Mautstelle in Kreuth oder dem Kreisverkehr an der Kreuzstraße, eine faktenbezogene Grundlage. Fragen blieben: Wie laufen die Verkehrsströme im Tal? Oder sind es tatsächlich die Mautsparer, die für den Hauptverkehr an schönen Wochenenden verantwortlich sind?

Studie aus 1991 schafft Faktenbasis

Die fehlenden Fakten sind umso erstaunlicher, da es seit 20 Jahren eine Verkehrsstudie gibt, die vieles von dem beantwortet hätte. Und auch wenn die Studie aus dem Jahr 1991 ist, hat sie immer noch ihre Gültigkeit, wie der Gmunder Gemeinderat Anton Grafwallner betont.

In einer repräsentativen Befragung von über 8.000 Verkehrsteilnehmern, die am 16. Juli 1991 in Gmund an der Kreuzstraße ankamen, hatten gerade einmal neun Prozent vor, durch das Tegernseer Tal nach Österreich oder weiter nach Italien zu fahren. Überwiegend wollten die befragten Personen ins Tegernseer Tal (84%).

Ziel-Verteilung für die B318 / 24 Stunden Verkehrsbefragung am 16. Juli 1991 / Quelle: Professor Dr. Harald Kurzak

Auf Nachfrage beim Straßenverkehrsamt in Rosenheim teilte man uns mit, dass die Zahlen in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch nicht signifikant gestiegen seien. Bei der letzten Zählung im Jahr 2010 waren es knapp zehn Prozent Durchgangsverkehr.

Damit kann zumindest die Frage, ob Tagestouristen oder eher Mautsparer für unsere Staus verantwortlich sind, eindeutig beantwortet werden: Die Mautsparer oder “Italien-Fahrer” sind es nicht. Auch wenn dies von vielen Einheimischen oft als die ursächlichstes Probleme angesehen wird.

„Unsere Straßen sind an der Kapazitätsgrenze“

Laut den aktuellsten Statistiken aus dem Jahr 2010 befahren rund 15.000 Verkehrsteilnehmer an einem durchschnittlichen Verkehrstag die Bundesstraßen rund um den Tegernsee. „An Tagen, an denen beispielsweise Events, wie die Seefeste, stattfinden, können es sogar bis zu 25.000 sein“, so Grafwallner und ergänzt: „Durch die Überlagerung des Freizeitverkehrs mit dem Berufsverkehr an Werktagen, beziehungsweise während der Ferienzeit, an schönen Wochenenden oder bei großen Events ist Stau fast die Regel im Tegernseer Tal.“

Und Richard Brosig vom Staatlichen Straßenbauamt Rosenheim weiß: “Die durchschnittliche Verkehrsbelastung ist bei den Zählungen und Auswertungen annähernd gleich geblieben. Die Straßen sind seit längerem an der Kapazitätsgrenze. Daher gibt es bei neueren Zählungen kaum mehr Ausschläge nach oben.“

Ungut findet Grafwallner die Pläne des landkreisweiten Masterplans der Touristiker, die verstärkt auf Tagesausflügler aus dem Großraum München setzen wollen: „Dadurch wird die Verkehrssituation an den Wochenenden rund um den Tegernsee weiter verschlechtert.“

Schönes Wochenende und Baustelle - da ist der Kollaps im Zentrum von Gmund bis spät in den Abend vorprogrammiert

Bereits 1991 waren 36 Prozent der Verkehrsteilnehmer, die an der Kreuzstraße befragt wurden, aus dem Landkreis oder der Stadt München. Weitere 20 Prozent kamen aus Nordbayern.

In wieweit Einheimische an den Staus mitverantwortlich sind, lässt sich dagegen nicht abschließend beantworten. Jedoch kommen laut Grafwallner im Landkreis Miesbach auf 1.000 Einwohner über 700 PKW Zulassungen. „Damit befinden wir uns seit vielen Jahren statistisch an der Sättigungsgrenze“, erklärt Grafwallner.

Kreisverkehr an der Kreuzstraße löst keine Probleme

Als einer der Lösungen für die Stauproblematik hat Landrat Jacob Kreidl den Kreisverkehr erkannt. Nach dem Vorbild Miesbachs, wo die Staus von und in Richtung Irschenberg beseitigt werden konnten, möchte der Landrat am liebsten einen Kreisverkehr an die Kreuzstraße und einen auf Höhe Seeglas in Gmund setzen. “Das hat schon einmal funktioniert,” so Kreidl auf der CSU-Veranstaltung Mitte Januar.

Grafwallner ist da anderer Meinung: „Wenn man an der Kreuzstraße einen Kreisverkehr errichtet, kann man den Verkehr nicht mehr regulieren.“ Das sei mit der bestehenden Ampelanlage, die man nur „intelligent“ je nach Verkehrsaufkommen schalten müsste, viel besser und kostengünstiger machbar.

Der Verkehrsstrom kommt laut dem Gemeinderat und langjährigen Verkehrsingenieur durch einen Kreisverkehr „ungebremst“ in Dürnbach und am Gmunder Berg an. „Die Verkehrsproblematik wäre so nur ins Tegernseer Tal verlagert, was vor allem dazu führen wird, dass ortskundige zum Nachteil von Anwohnern Schleichwege benutzen.”

Der zweite angedachte Kreisverkehr in Sankt Quirin würde alles nur verschlimmbesseren, denn er müsste Fußgänger- und Fahrradfahrergerecht sein. Durch die geltenden Vorfahrtsregelungen käme es dort zu Problemen, die heute nicht existieren.

Kurzfristig und relativ kostengünstig ist es durchaus möglich auch die Verkehrssituation in den Abendstunden Richtung München aus dem Tegernseer Tal hinaus zu verbessern. „Ich bin davon überzeugt, dass gut getaktete und miteinander harmonisiert Ampelanlagen den Rückstau ins Tal deutlich verkürzen können“, so Grafwallner.

Ein Vorschlag, der mittlerweile auch bei Landrat Jakob Kreidl gut ankommen könnte. Kreidl hatte seine eigene Odyssee an einem vielbefahrenenen Sonntag im Tal geschildert. “Dabei hatte ich genug Zeit nachzudenken”, so der Landrat. Sein Resumee: In Zeiten von ferngesteuerten Ampeln müsse eine solche Lösung möglich sein.

Ihre Meinung ist uns wichtig

  1. Wolfgang Apel meint:

    Zum Thema “Stau” und vor allem “Stau-Vermeidung” habe ich einen Vorschlag: Auch ich fahre seit Jahren morgens und abends zur Arbeit und stehe regelmäßig im Stau. Um Umwelt, Nerven und Geldbeutel zu schonen, habe ich ein für die Nutzer kostenfreies und ohne Hintergedanken erstelltes Pendlerportal entwickelt. http://www.wir-pendeln-zusammen.com hat bereits auch schon Parter gefunden. Die Nassauische Sparkasse, Radio Regenbogen und die Rheingauer-Weinfreunde.de bewerben das Portal aus Überzeugung. Es ist aber schwerer als gedacht, die MitbürgerINNEN zu einem gemeinsamen Pendeln zu bewegen. Alle PendlerINNEN sind natürlich eingeladen mitzumachen. und es weiterzusagen. Zum Rechnen,was man spart,wenn man zu zweit fährt und ein Auto einspart, kann man den CO2-Ausstoß mit 2,33kg/100m und beim Diesel mit 2,64kg CO2/100km errechnen. Da kommen schnell einige 1000kg pro Jahr zusammen.

  2. Thomas meint:

    Ein sehr interessantes Ergebnis, das mir so auch noch nicht bekannt war. Warum geht eigentlich bei den Ampeln nichts voran? Kann doch nicht sein das so eine triviale Anpassung nur mit Zustimmung des Landrates möglich ist.

    Ampeln alleine werden das Problem aber nicht lösen, in Wiessee gibt es kaum welche und trotzdem staut es sich Tageweise über die gesamte Ortslänge.

  3. toni meint:

    Das Problem in Bad Wiessee sind die zwei Zebrastreifen am Lindenplatz. Mit Zunahme des Fußgänger- und Fahrzeugverkehrs bei schönen Wetter kommt es zu einem so genannten Stopp and Go-Verkehr im Bereich der Zebrastreifen. Es entsteht ein Rückstau, abends nach Süden teilweise bis zum Ringsee und vormittags nach Norden bis zur Gärtnerei am Ortseingang. Ortskundige von Gmund ankommend weichen dann über die Auerstraße aus und versuchen am Lindenplatz wieder in die Bundesstraße einzubiegen.
    Man verlagert Verkehr in Gebiete, in denen man ihn überhaupt nicht haben will (Verkehrsverlagerung). Diese beiden Zebrastreifen werden dann zu so genannten Stauerzeugungsanlagen, hat man die Zebrastreifen passiert, kann man wieder zügig weiterfahren.Es wäre sinnvoll die zwei Zebrastreifen durch zwei koordinierte Fußgängersignalanlagen mit Anforderungstaster für die Fußgänger und Fahrzeugbemessungs-Detektoren auszurüsten. Die Ampelanlagen hätten den Vorteil, dass die Fußgänger den fließenden Verkehr nicht unkontrolliert stoppen können.

  4. Seegeist meint:

    Falsch ist jedenfalls die Einschätzung, daß die Studie von 1991 repräsentativ sei. Eine wesentliche Änderung zwischen 1991 und 2011 ergibt sich dadurch, daß jetzt nahezu jedes Fahrzeug werksseitig oder nachträglich mit einem Navigationssystem ausgestattet ist. Und damit fährt -anders als 1991- jeder in alle Ecken und durch die schmalsten Gassen. Und daher eben auch durchs Tegernseer Tal nach Österreich.
    Genau das ist auch der Grund, warum z.B. am Wochenende viele Münchner über den Unterbuchberg auf die Autobahn fahren, wenn es sich auf der Seestraße staut. Das Navi macht’s möglich und einfach.
    Und wir alle tun das andernorts auch ganz fröhlich oder?
    Fazit: Mit Maut würden es sich manche Österreichfahrer überlegen, da die Strecke zwar entfernungsmäßig kürzer ist, dafür aber nicht nur länger dauert, sondern dann auch noch Mehrkosten verursacht.
    Und wenn es dann noch eine Verkehrsregulierung mit fest installierten Blitzern dicht rundum den See gäbe, wäre schnell und ohne großen Aufwand viel Sicherheit und Ruhe gewonnen. Die wenigen Verkehrskontrollen mit den allseits bekannten Fahrzeugen sind getrost zu vergessen. Die bringen nix.

    • Leider haben Sie nicht Recht. Die aktuellen Auswertungen zeigen, dass der Anteil derjenigen die durch das Tal fahren, um entweder auf die Autobahn oder aber nach Österreich zu kommen, fast gleich geblieben ist. Vollkommen egal, wie die Autos durchs Tal fahren. Es sind immer noch die wenigsten, die das Tal als Abkürzung nutzen.

  5. masterplan meint:

    Wenn man die aktuellen Zählwerte der Bundesstrasse B307 von 2010 anschaut, wird man feststellen müssen, dass der meiste Verkehr in die Alpenregion Tegernsee Schliersee will oder von dort kommt. In Richtung Grenze zu Tirol wird der Verkehr immer weniger. Das ist sicherlich auch im Sinne des Masterplans.
    Straßenverkehrszählung DTV B 307 2010
    B 307 BY 84359181 Lenggries (B 13) Einmdg B307 W, 2.600 SV4,6
    B 307 BY 83359200 Kreuth (Landesgrenze zu Oesterreich Kreuth 3.500 SV2,8
    B 307 BY 83369200 Kreuth Reitrain 6.800 SV2,3
    B 307 BY 82369208 suedl. OE Tegernsee noerdl. OE Tegernsee 12.800 SV3
    B 307 BY 82369200 Tegernsee Gmund a. Tegernsee (L 2076) 14.000 SV2,7
    B 307 BY 83369201 Kreuth (B 318) noerdl. OE Rottach 14.500 SV2,3
    B 307 BY 82369209 Gmund (L 2076) Gmund (B 318) 13.900 SV2,7
    B 307 BY 82369201 (B 472) :Miesbach Hausham (K8) 19.800 SV3,3
    B 307 BY 82379202 noerdl. OE Schliersee suedl.OE Schliersee 13.800 SV2,4
    B 307 BY 82379201 Hausham Schliersee 12.800 SV3,2
    B 307 BY 82379203 Schliersee Neuhaus 9.400 SV1,9
    B 307 BY 83379200 Neuhaus Bayrischzell (L 2075) 4.400 SV2,5
    B 307 BY 83389200 Bayrischzell (L 2075) Sudelfeld 1.300 SV2,1
    1) DTV: Durschnittliche Tägliche Verkehrsstärke (aufgerundet auf 100 Kfz)
    2) SV-Anteil: Anteil des Schwerverkehrs (Busse, Lkw > 3,5 t zul. Gesamtgewicht mit und ohne Anhänger, Sattelzüge) an allen Kfz Quellenangabe: BAST

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