Samstag, 25. Mai 2013

Podiumsdiskussion zum Tegernseer Almdorf

“Oh Gott, jetzt kommt Disneyland”

Das Almdorf in Tegernsee wird langsam aber sicher zu einem Symbol. Die Einen sehen darin vor allem unsinnigen Landschaftsverbrauch und Hotelbauten, die nichts gemein haben mit der Aura des Tegernseer Tals. Für die Anderen ist es ein Leuchtturmprojekt, das den Trend in der Berherbergungsstatistik der Stadt Tegernsee stoppen soll.

Am Montag Abend hatte die SPD Tegernsee eingeladen, um kontrovers über das Thema zu diskutieren. Dabei war das Almdorf nur der aktuelle Aufhänger. Die eigentliche Fragestellung lautete “Wieviel Landschaft braucht das Tegernseer Tal?” Eine klare Antwort, soviel war bereits vor der emotionalen Debatte klar, würde schwer werden.

Die Podiumsdiskussion führte am gestrigen Montag einige Zuhörer nach Tegernsee in den Gasthof Schandl.

Sind Projekte wie das geplante Almdorf oberhalb der Stadt Tegernsee notwendig, um den Wohlstand in der Region aufrecht zu erhalten? Oder setzen sich da wirtschaftliche Individualinteressen gegen das Bedürfnis der Allgemeinheit nach Landschaftsschutz durch? Oder versuchen vielleicht sogar wenige direkt Betroffene ihre persönlichen Befindlichkeiten gegen das Recht und den Bedarf an unternehmerischer Weiterentwicklung durchzusetzen?

Fragen über Fragen, die im Rahmen einer Podiumsdiskussion erörtert werden sollten. Dabei hatte sich der Tegernseer Stadtrat Thomas Mandl (SPD) Unterstützung auf die Bühne geholt. Mit dabei, ebenfalls als Gegner des Almdorfs, waren Angela Brogsitter von der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, Franz Josef Amann, Sprecher des Landschaftsschutzgebietes Schliersee sowie Manfred Burger vom Bund Naturschutz. Als Befürworter des Almdorfs, und damit der obligatorische Gegenpart, fungierte Andreas Obermüller von den Freien Wählern Tegernsee.

Obermüller hatte im Stadtrat für das Almdorf gestimmt und sah sich trotz allem einem Publikum von mehrheitlich wohlwollenden SPD-Anhängern gegenüber. In seiner Argumentation für das geplante Hotel orientierte sich der Sprecher der Freien Wähler interessanterweise an der Darstellung von Bürgermeister Peter Janssen: “Wir wollen Tegernsee als intakten Ort erhalten. Dafür brauchen wir auch neue Betriebe und etwas gegen den vorherrschenden Bettenschwund,” so Obermüller der gleichzeitig klarstellte kein glühender Verfechter des Hotels zu sein. “Aber bisher gibt es keine gewichtigen Gründe dagegen.”

“Oh Gott, jetzt kommt Disneyland”

Eine Meinung, die der Stadtrat, zumindest auf dem Podium, exklusiv hatte. Burger, Mandl und Brogsitter betonten nacheinander, dass ein Almdorf ein künstliches Konstrukt ist, das mit dem Tegernseer Tal und seinem Baustil nichts gemein hat. “Das Projekt ist höchst fragwürdig und erinnert mich an Disneyland” – so ein Satz, der mehrmals fiel.

Rein aus naturschutzrechtlichen Gründen war das Thema “Herausnahme aus dem Landschaftsschutzgebiet” eigentlich schnell abgehandelt. Möglicherweise lag der Grund in der erst jüngst getroffenen Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes. Der hatte Ende September die Popularklage von Charly Brutscher abgelehnt und damit dem Landkreis wie auch der Stadt Tegernsee signalisiert, dass die praktizierte Herausnahme rechtens ist.

Als wichtiger wurde die Signalwirkung des Projektes auf die anderen Gemeinden und mögliche Geldgeber eingestuft. Gleichzeitig besteht die Befürchtung, dass das Almdorf später zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden könnte. Der Investor an sich, so der zwischenzeitliche Dreh der Diskussion, müsse grundsätzlich argwöhnisch betrachtet werden. Nicht nachhaltig. Auf den eigenen Vorteil bedacht. Und daher tendenziell abzulehnen. Oder um es mit den Worten von Thomas Mandl zu formulieren: “Das Kapital ist ein scheues Reh, doch Vorsicht: jetzt kommt es aus der Deckung.”

Der Plan des Almdorfs in Tegernsee.

Mit seiner Kapitalismuskritik brachte Mandl die Mehrzahl der Zuhörer hinter sich. Eine Zustimmung, die sich in Aussagen wie “Die Gemeinden machen alles für die Investoren, nichts für die Einheimischen” wiederspiegelte. Abwechselnde Wortbeiträge drehten sich um Nachhaltigkeit, die große Abhängigkeit vom Tourismus und Forderungen wie “Tegernsee soll keine Schlafstadt” werden.

Maria Heiß, Vorsitzende des Tegernseer Gewerbeverbandes versuchte in ihren zahlenlastigen Beiträgen – “in 20 Jahren von 1.880 auf 1.350 Betten runter” – klarzumachen, dass die Tegernseer Geschäftswelt ohne Touristen sterben wird. Gleichzeitig attestierte sie dem abwesenden Tegernseer Bürgermeister die richtigen Schlussfolgerungen gezogen zu haben: “Wenn Tegernsee nicht mehr Betten bekommt, dann werden wir ein Vorort von Rottach.”

Doch mit ihren Ausführungen erreichte Heiß die meisten der Zuhörer nicht. Unmut breite sich immer wieder aus, wenn Sie sich in ihren ausführlichen und so gar nicht in den emotionalen Kontext des Abends passenden Wortmeldungen wiederholt selbst ins Gespräch brachte.

Zuweilen hatte man das Gefühl, dass eine ideologiefreie Diskussion, die Bürgermeister Janssen dem Podium in seiner schriftlichen Absage gewünscht hatte, nur schwer möglich ist. Zu theoretisch die Aussagen, zu wage die Konzepte, zu mono-thematisch die Gründe für die Ablehnung des Tourismus.

Mehr Bürgerbeteiligung

So blieb es an Martin Walch, Kreuther Gemeinderat und SPD-Mitglied, eine Lanze für die Weiterentwicklung des Tourismus zu brechen: “Wir können große Hotelprojekt nicht immer verteufeln. Im Tegernseer Tal brauchen wir unbedingt ein breit gefächertes Angebot.”

Übrigens: Wie Eingangs angedeutet, gab es nach zweieinhalb Stunden Diskussion tatsächlich keine konkrete Antwort auf die eigentliche Frage des Abends “Wieviel Landschaft braucht das Tegernseer Tal?”. Dafür gab es viele Fragen zu Investoren, dem Nutzen des Tourismus und dessen grundsätzlicher Ausrichtung. Und so viel wurde klar: die Bürger wollen Konzepte, von denen sie letztendlich auch profitieren.

Moderation von Kommentaren

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  • Thomas

    “in 20 Jahren von 1.880 auf 1.350 Betten runter”… “Wenn Tegernsee nicht mehr Betten bekommt, dann werden wir ein Vorort von Rottach.”

    Hier spiegelt sich mal wieder die monotone Sichtweise unserer Zeit wieder alles auf dem Angebot zu begründen, ohne die Nachfrage auch nur eines Blickes zu würdigen. Das führt auch hier wieder dazu Ursache und Wirkung zu verwechseln.

    Es ist ja nicht so das weniger Touristen kommen weil weniger Betten verfügbar sind, sondern das Bettenangebot hat sich der geringeren Nachfrage angepasst. Es bringt nichts mehr Angebot zu schaffen, sondern es muss nachhaltige Nachfrage erzeugt werden.

    Dazu sollte zuerst einmal die Qualität der bestehenden Kapazitäten verbessert werden, genau so wie die Attraktivität der Orte, und Angebote abseits der Hotels. Blumenkübel und Verkehrsinseln auf der Haupt(stau)straße sind da genau so kontraproduktiv wie Seegrundstücke in Toplage mit Stegen zu umbauen. Wenig zielführend auch einerseits die Landschaft als Alleinstellungsmerkmal zu betrachten und andererseits jeden freien Meter Hanglage als Bauland auszuweisen. Klar vom Rathaus aus sieht man das nicht, dafür vom anderen Seeufer umso besser.

    Also kümmert euch erst mal um die Nachfrage, neue Hotels bauen könnt ihr wenn die bestehenden Kapazitäten ausgelastet sind, und die brachen Objekte Verwendung gefunden haben.

    • http://www.tegernseerstimme.de Peter (Tegernseer Stimme)

      Hallo Thomas,

      ich bin da nicht ganz deiner Meinung. Auf das bestehende Angebot hat man als Gemeinde kaum Einfluss, siehe der teilweise gravierende Investitionsstau der letzten Jahrzehnte. Neue Bauten, vor allem im gehobenen Bereich, ergänzen das Angebot sehr gut und heben das Niveau des gesamten Gebietes. Damit kommen neue Gäste, die sonst nie den Weg an den Tegernsee gefunden hätten. Von diesen wiederrum profitieren unter anderem die Geschäfte und eventuell auch die kleineren Hotels.

      Das mit der nachhaltigen Nachfrage hat eben doch auch sehr viel mit dem Angebot zu tun.

      • Thomas

        Du spielst auf eine Streuung des Angebotes an die ja auch nicht falsch ist. Wobei das Almdorf IMHO eher ein kurzfristiger Hype ist der auf lange Sicht eher lächerlich wirkt, es mit Disneyland zu vergleichen tut letzterem unrecht weil das ein langfristig gewachsenes und zeitloses Projekt ist das seine Umgebung nicht zu imitieren sucht.

        Das von so einem Projekt die Umgebung profitiert ist auch kaum belegbar. Es sind immer wieder solche Häuser entstanden, und selten bis nie war der Einfluss positiv. Bekanntlich durchmischen sich die gesellschaftlichen Schichten immer weniger und Angebote für Reiche produzieren folglich keine Angebote für den Durchschnitt. Wer kennt einen Normalverdiener der gerne nach St. Moritz oder Monaco fährt weil da für die Oberschicht so viel geboten wird? Eben.

        Die Gewinne landen in den Taschen einiger weniger, die Folgen darf die Allgemeinheit tragen und die Natur ist gleich doppelt der Verlierer. Kann das die Richtung bleiben in die wir als Gesellschaft weitergehen wollen?

        • http://www.tegernseerstimme.de Peter (Tegernseer Stimme)

          Nein, natürlich nicht. Und die negativen Auswirkungen, die du ansprichst, sind auch nicht so einfach aus der Welt zu schaffen.

          Grundsätzlich kann es aber nicht verkeht sein, in touristischen Gebieten wie dem Tegernseer Tal eine gewisse Vielfalt bei den Hotels zu haben. So kann es auch ohne weiteres passieren, dass eine Familie im Sommer für zwei Wochen im beschaulichen Gasse in einer Ferienwohnung unterkommt. Und die Eltern im November für ein verlängertes Wochenende nach Rottach in ein Hotel mit Wellness-Angebot fahren. Möglich ist das nur, wenn auch das Angebot da ist.

          Andersherum ist das Szenario im übrigen auch vorstellbar.

          • Thomas Mandl

            Ich glaube, niemand wollte im Saal den Tourismus im Tal total ausmerzen oder fundamental in Frage stellen. Niemand hatte m.E. auch nichts gegen eine touristische Angebotsvielfalt, auch mit großen 4-5* Hotels. Das ist die falsche Fragestellung.

            Es geht doch einzig darum, dass

            - eine touristische Entwicklung im Interesse des Gemeinwohls zu erfolgen hat
            - deswegen gerade auch in einer touristisch ausgerichteten Gemeinde Natur und Landschaft wichtiger sind als noch ein Beherbergungsbetrieb, von dem faktisch nur Investoren und Architekten wirklich profitieren.

            Manchmal muss man halt eine “rote Linie” ziehen und sagen: bis hierher und nicht weiter. Das ist völlig ideologiefrei und auch ganz im Sinne eines nachhaltig erfolgreichen Tourismus.

            Wie sagte doch der “Seegeist” ganz treffend: wir verbauen unsere Landschaft für Gäste, die dann nicht mehr kommen, weil die Landschaft verbaut ist.

        • Demokratie Jetzt!

          Egal ob hier oder überall, es wird doch nur noch für ein paar wenige was gemacht, der Rest interessiert nicht mehr. Es stellt sich die Frage ob wir das weiterhin wollen? Nachhaltig und von Dauer ist das Almdorf nicht. Wenn sie heute irgendwo hin kommen und sagen sie kommen vom Tegernsee, heißt es zuerst:” Da ist es teuer”! Wenn das unser Aushängeschild sein soll, dann laufen wir in die falsche Richtung. Es gilt für unsere Kinder die Landschaft zu erhalten, damit das Tal lebenswert bleibt. Wir leben vom Tourismus, das ist klar aber, wir brauchen einen Tourismus, der den Menschen die 365 Tage im Tal leben, noch die Luft zum atmen läßt. Viel besser wäre es hier einen Naturpark zu errichten, der Bayerische Wald oder der PfälzerWald als Beispiel leben sehr gut davon. Warum soll das hier nicht gehen. Wir die Bürger sind gefragt und müßen Bauern, Handwerker usw. alle ins Boot holen. Nur so geht es!

          • Thomas

            Zumal ja schon die Aussage “Wir” lebten vom Tourismus eine unhaltbare Verallgemeinerung ist. Viele hier leben weder direkt noch indirekt vom Tourismus, tragen aber die Folgen mit.

            Es ist ja auch im Grunde nichts gegen Tourismus zu sagen, es wird aber zum Problem wenn eine Region mit vollem Risiko nur auf diesen einen Sektor setzt. Wo bleiben Konzepte aus anderen Branchen? Wieso nicht mal ein Bürogebäude in zweiter oder dritter Reihe. Das gäbe eine Alternative zur überfüllten Münchner Innenstadt und schafft Arbeitsplätze für Leute die bisher Stundenlang pendeln müssen.

          • Demokratie Jetzt!

            Uns wieso werden diese Wege nicht beschritten? Wieso wird nur das eine. Wieso holt man sich auf ganz Deutschland Touristiker, die leider keine neuen Ideen haben?

          • Sportler

            Sorry, aber im Internetzeitalter braucht kein Mensch Büroräume auf dem Land. Die Leute arbeiten einfach von zu Hause aus.

          • Thomas

            Das klappt nur bei “Einzelkämpfern” die sich mit den Kollegen wenig koordinieren müssen, bzw. in Teilzeit. Teamarbeit übers Netz geht meist nur sehr träge.

      • Sportler

        Sehe ich genau so. Und überhaupt: Was hat das alles mit Disneyland zu tun ? Kleine Hotelanlagen liegen im Trend und sind eindeutig schöner als die früher üblichen großen Hotelkästen.

  • Demokratie Jetzt!

    Kleine Hotelanlagen? Wenn ich da nach Marienstein schaue oder das, was man in Kaltenbrunn plante. Niemand war gegen ein Hotel in Kaltenbrunn, aber das was die wollten? Ich denke das man im Tourismus andere Wege gehen muß, wenn man z.B. nach Mallorca schaut, die wollen um allles in der Welt ihr “Ballermann” loswerden, da sie der Meinung sind. Ein paar m² der Insel dürfen nicht als Begriff herhalten. Hier versuchen manche das durch die Hintertür aufzubauen. Wir haben so was tolles was feht ist dem ganzen noch den letzen Punkt aufzusetzen.