Donnerstag, 23. Mai 2013

Ein Bericht ĂŒber die Helfer vom Kriseninterventionsdienst

Da sein, wenn andere wieder fahren

Die erste Reaktion sind Fragen. Kein entsetzter Aufschrei, kein Weinkrampf, kein Schweigen. Sondern Fragen. Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Das wollen die Angehörigen wissen: Die Eheleute, die Kinder oder die Eltern. Einfache Fragen, deren Beantwortung doch so schwer fÀllt. Wie genau das Opfer umgekommen ist, wann und wo der Unfall war, wer Schuld hatte.

Der Kreuther Martin Hauder oder einer seiner 17 Helfer vom Kriseninterventionsdienst (KID) sagt es ihnen, so gut er kann.

Unterwegs fĂŒr KID

Hauder ist Fachdienstleiter des Kriseninterventionsdienst, das beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Miesbach angegliedert ist. Außerdem hĂ€lt er die Kreisbereitschaftsleitung inne, ist Leiter des Rettungsdienstes und zudem Zweiter GeschĂ€ftsfĂŒhrer des BRK. Eine Menge Verantwortung fĂŒr einen einzigen Mann. Und dennoch lĂ€sst es sich Hauder nicht nehmen, auch selbst fĂŒr den KID unterwegs zu sein.

Alarmiert werden die Helfer durch EinsatzkrĂ€fte aus Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei oder durch Ärzte und NotĂ€rzte vor Ort ĂŒber die Rettungsleitstelle.

Martin Hauder (ganz links) mit dem Team des Kriseninterventionsdienstes KID / Quelle: brk.miesbach.de

Vor fĂŒnf Minuten stand er noch mit Polizeibeamten vor der HaustĂŒr. Man hatte sich genau vergewissert, dass man hier richtig ist, dann erst den Klingelknopf gedrĂŒckt. Denn dieses LĂ€uten wird das Leben der Angehörigen verĂ€ndern. Das weiß er und kann als Familienvater auch nachvollziehen, welche Sorgen man sich hĂ€ufig um die eigenen Kinder macht.

Die TĂŒr geht auf. Meist erkennt der Öffnende schon beim Anblick der RettungskrĂ€fte, dass etwas nicht stimmt. Doch fĂŒr Gedanken ist im Kopf fast nie Platz – sie weichen dem Entsetzen, das eintritt, wenn die RettungskrĂ€fte ihre Botschaft notgedrungen loswerden mĂŒssen.

‹Wie die Idee geboren wurde

Dann kommen die Fragen der Angehörigen. Polizisten und Helfer versuchen, sie zu beantworten. Nach einer Weile mĂŒssen die Beamten wieder gehen, um ihren Streifendienst wahrzunehmen. „Wir sind da, wenn die anderen wieder fahren,“ berichtet Hauder. Tröstende Worte fĂŒr die Angehörigen zu finden und einfach da zu sein, das sei das Wichtigste.

Bei einer Übung in GlashĂŒtte / Quelle: brk-miesbach.de

Rettungsdienstmitarbeiter und Ärzte machen immer wieder die Erfahrung, dass bei tragischen Ereignissen oder UnfĂ€llen mit Todesfolge niemand da ist, der sich um die Angehörigen kĂŒmmert. Deshalb sei es wichtig, dass jemand da ist, der zuhört, bis sich jemand anders um den Betroffenen kĂŒmmern kann, der sich einem belastenden Ereignis ausgeliefert sieht.

Einem plötzlichen Todesfall in der Familie, einem schweren Verkehrs-, Schienen- oder Arbeitsunfall oder auch dem Tod eines Kindes. Aus der Hilflosigkeit der Betroffenen heraus wurde die Idee zu KID geboren. Am Geschehen wimmelt es oft von Uniformen, doch zum Reden haben ihre TrÀger meist keine Zeit.

UrsprĂŒnglich entstammt der Dienst dem stĂ€dtischen Bereich. Auf dem Land kĂŒmmerte man sich frĂŒher einfach mehr umeinander. „Das hat sich heute jedoch geĂ€ndert,“ weiß der Einsatzleiter.

‹Seelen-SanitĂ€ter mit Erfahrung

Mittlerweile haben die Helfer, die fast alle bereits seit den AnfĂ€ngen im Jahr 2000 mit dabei sind, auch im Landkreis einiges zu tun: 50 bis 70 EinsĂ€tze pro Jahr. Hauder selbst ist seit 1982 ehrenamtlich beim BRK, seit 1989 hauptberuflich. Viele der Mitstreiter kommen aus den eigenen Reihen, aber auch aus anderen sozialen, kirchlichen oder medizinischen Arbeitsbereichen. Neben ihrer BerufstĂ€tigkeit arbeiten sie ehrenamtlich fĂŒr KID.

Sie bewegen sich hĂ€ufig am Abgrund. Halten manchmal fĂŒr etliche Stunden „die Stellung“, mit Menschen, die „ins Nichts schauen“. Keine leichte Aufgabe. Und das alles freiwillig – auf Spendenbasis. Der Dienst wird kostenlos angeboten. Die Helfer wechseln sich gegenseitig ab. Einer ist immer erreichbar, 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr. Falls etwas passiert, mĂŒssten sie schnell vor Ort sein. Um Menschen zu helfen, die vor Entsetzen schier sprachlos sind.

Um entsprechend reagieren zu können, bringen sie aus ihrem beruflichen Alltag das RĂŒstzeug mit, das man als KID-Helfer benötigt. „Vor allem Lebenserfahrung,“ schildert Hauder. Alles ĂŒbrige lernt man in der Ausbildung: An die 120 Stunden wird geĂŒbt. Dabei lernt man nie aus, so fasst der Kreuther seine langjĂ€hrige Erfahrung zusammen.

Der Kriseninterventionsdienst (KID) am Einsatzort / Bilder einer Übung – Quelle: brk-miesbach.de

„Jeder Fall fĂŒr sich ist ein einzelnes Schicksal,“ sagt der Bereitschaftsleiter. Je unverhoffter, desto schlimmer. Das Leid, das die Betroffenen in solchen Situationen erfahren, können sie ihnen nicht abnehmen. Sie können nur versuchen, es ertrĂ€glicher zu machen. Nach einem außergewöhnlich belastenden Ereignis könnte es sein, dass man sich erst nach einer gewissen Zeit Gedanken oder Sorgen macht. Auch dann sind die Leute von KID fĂŒr einen da.

Man kann sie rufen, wenn man nach dem belastenden Ereignis Empfindungen wie Hoffnungslosigkeit, Orientierungslosigkeit oder Angst feststellt. Solche Reaktionen seien vollkommen normal, lassen ĂŒblicherweise von Woche zu Woche nach und verschwinden schließlich irgendwann ganz.

FĂŒr Fragen zum Kriseninterventionsdienst oder Angebote, KID selbst sinnvoll als Helfer zu unterstĂŒtzen, wendet man sich an:
Bayerisches Rotes Kreuz
Kreisverband Miesbach
Bergwerkstraße 18
83714 Miesbach
Telefon: 08025-2825-0

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  • Chris

    Ein herzliches Dankeschön und großen Respekt vor dem nicht leichten Ehrenamt!

    Aber nur zur ErgĂ€nzung… das KID ist nicht nur fĂŒr die Angehörigen und Hinterbliebenen da, sondern genauso auch fĂŒr die EinsatzkrĂ€fte!

  • Respekt

    Die Nummer der Rettungsleitstelle ist (112) Feuerwehr+Rettungsdienste