Samstag, 18. Mai 2013

Auswirkungen einer neu entstehenden "Bürgerlobby"

Wie Transparenz in die (Tal-)Politik einzieht

Das Internet verändert die Politik. Daran wird kaum noch jemand Zweifeln. Der neu entstandene Wille zur Teilhabe beschäftigt dabei nicht nur die Wähler, sondern auch die Verantwortlichen in Parteien.

Die Entwicklung macht keinen Halt vor ländlichen Gebieten, sondern wird auch in Gegenden, wie dem Tegernseer Tal, getestet und immer mehr in den Alltag integriert. Bürgerwerkstätten, Diskussionen im Netz und ganz aktuell eine Bürgerbefragung der CSU Bad Wiessee sind das Ergebnis.

Die CSU Bad Wiessee befragt Bürger aktuell auch online

Klar könnte man das frühen Wahlkampf nennen. Man kann der CSU auch unterstellen, dass sie damit taktisch klug einen schwelenden Wunsch der Menschen befriedigen versucht, indem sie sie mitsprechen lässt. Eine Mitsprache, die am Ende möglicherweise keine echten Auwirkungen hat.

Immer mehr Bürger wollen sich beteiligen

Doch dass die CSU einen relevanten Punkt getroffen hat und der Wunsch der Bürger auch da ist und genutzt wird, zeigen die Zwischenergebnisse der aktuellen Bürgerbefragung. So teilte der Ortsvorsitzende Florian Sareiter letzten Mittwoch per Mail mit:

Per heute (25.07.2012) hat die Bürgerbefragung gemessen an den ca. 2.600 erreichten Haushalten in Bad Wiessee die angestrebte Rücklaufquote von 10 % bereits deutlich überschritten. Die Resonanz auf die Aktion sei bisher durchwegs positiv. Die gemachten Angaben der Teilnehmer werden teilweise mit extra Beilegblättern ergänzt.

Die Bürgerinnen und Bürger haben anscheinend großen Bedarf, Ihre Meinung zu äußern. Die Teilnehmer gehen in ihren Ausführungen meistens sehr strukturiert und sachlich vor. Der eine oder andere macht aber auch seinem Ärger über verschiedene Umstände vor Ort Luft.

Nicht überraschend sei für Sareiter der hohe Anteil an der Onlinebefragung. “Man spart sich damit den Weg zu den Abgabestellen und hat unbegrenzten Platz für seine Ausführungen.”

Egal, ob dem Wahlkampf geschuldet oder nicht: Die eingeschlagene Richtung ist nur noch schwer zu ändern im Nachhinein. Bei der Beteiligung der Bürger ist im Endeffekt egal, ob sie organisiert in Bürgerwerkstätten oder Umfragen oder selbst organisiert, durch Protest im oder außerhalb des Internets stattfindet.

Politik muss immer öfter wegen Protest zurückrudern

Die Bundespolitik musste das in den letzten Monaten bereits mehrmals feststellen: Beim Protest gegen ACTA (wurde zurückgenommen), bei der Onlinepetition gegen einen Rentenzwang für Selbstständige (wird aktuell im Ministerium überarbeitet) oder bei den Onlineprotesten gegen ein geplantes Leistungsschutzrecht für Verlage (vom ursprünglichen Gesetzesentwurf ist nicht mehr viel übrig geblieben).

Grundlegend anders wird es auch in Bad Wiessee nicht laufen. Wer fragt, muss auch mit den Antworten leben. Wer die Stimmung und Meinung der Einwohner kennt, kann sich nur noch schwer dagegen wehren, sich auch danach zu richten. Zumindest in den wichtigsten Punkten.

An was man sich dabei in Wiessee wird messen lassen müssen, ist nicht zuletzt die mangelnde Transparenz, die in der Umfrage sehr deutlich bemängelt wurde, wie Florian Sareiter am vergangenen Freitag gegenüber dem Merkur betont:

80 % fühlen sich von der Gemeinde nicht richtig informiert.

Ausreichende Information, Einbindung, ja sogar Mitsprache – Themen, die in den letzten zwölf Monaten rapide an Fahrt gewonnen haben. Nicht zuletzt seit den Erfolgen der “Piraten” wird auch in den restlichen Parteien über eine grundlegende Neuausrichtung bei der Einbeziehung der Menschen nachgedacht. Der CSU-Landtagsabgeordnete Alexander Radwan sprach erst kürzlich in Rottach über mehr Offenheit und Bürgernähe und warnte: “Mit den Piraten ist zu rechnen”.

Auf dem Weg zur Bürgerlobby

Und auch die FDP hat letzte Woche in Bayern mit “New Democracy” eine Online-Beteiligungsplattform ins Leben gerufen, die der Software der Piratenpartei nachempfunden ist. 

Das Ziel der Liberalen ist dabei kein anderes als das der CSU in Bad Wiessee: Man möchte den Menschen eine Möglichkeit bieten, sich aktiv an der Politik, den Zielen und Aufgaben zu beteiligen. 

Die FDP will Mitgliedern und Gästen eine Möglichkeit zur Mitsprache bieten.

Es bewegt sich gerade etwas, was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Die Bürger bekommen eine eigene Lobby, von der sich abzeichnet, dass sie über kurz oder lang zu einer der mächtigsten Lobbygruppe überhaupt werden kann. Beispiele dafür gibt es genug: Ein interessantes hat Klaus-Dieter Graf von Moltke, Eigentümer der Egerner Höfe, geliefert. 

In nichtöffentlicher Sitzung wurde seinem Anliegen nach einer teilweisen Nutzungsänderung für sein Fünf-Sterne Hotel bereits zugestimmt. Und trotzdem stellt der Unternehmer sich der öffentlichen Kritik, schreibt selbst in den Leserkommentaren mit und erklärt sich und sein Vorhaben.

Warum der Hotelier das tut? Weil er wohl verstanden hat, dass die Meinung der Rottacher Einwohner heute mindestens genauso wichtig ist als die rein faktisch ausreichende Zustimmung des Rottacher Gemeinderates.

Moderation von Kommentaren

Die Moderation liegt bei der Redaktion. Für uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erwünscht, persönliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette.

  • http://www.liberalebasis.de Michaela Merz

    Liebe Redaktion: New Democracy ist keineswegs der Software der Piraten nachempfunden – sondern unterscheidet sich deutlich: sowohl aus technischer Hinsicht als auch vom Anwendungsgebiet.

    Gern erklaeren wir die Unterschiede.

    Tschuess

    Michaela Merz
    Liberale Basis e.V.

    • Steffen (Tegernseer Stimme)

      Hallo Frau Merz,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich haben Sie recht, dass Ihre Software sich technisch von Liquid Feedback (LF) unterscheidet. Das Anwendungsgebiet ist aus meiner Sicht aber sehr identisch: “Wir erarbeiten gemeinsam Themen, stimmen gemeinsam darüber ab und jeder kann nachvollziehen, wie es dazu kam” – was Sie als deutliche Unterschiede im Anwendungsgebiet darstellen, sind lediglich die “Spielregeln”, die in beiden Parteien unterschiedlich sind.

      Erlauben Sie mir den dezenten Seitenhieb: Aus LF kann relativ schnell ein New Democracy gebastelt werden – indem man es beschneidet. Aus New Democracy werden Sie aber nicht die technischen Möglichkeiten eines LF rausholen können.

      Die FPD hat sich bei New Democracy von der Entwicklung der Piraten und dem Liquid Feedbach “inspirieren” lassen. Das ist auch legitim und wird im Artikel wohlwollend erwähnt.

      Viele Grüße
      Steffen Greschner

      • http://www.liberalebasis.de Michaela Merz

        Hallo .. und danke für Ihre Antwort.

        Nein, wir haben uns nicht an Liquid Feedback orientiert – ich habe mir weder das LF System, noch Adhocracy im Detail angeschaut. Wir haben bewusst ein System entwickelt, dass sich an den Bedürfnissen der Bürger orientiert – und dabei wollten wir ohne Einnfluss unabhängige Ideen umsetzen. Im Gegenteil zu LF ist New Democracy z.B. ein dezentrales System, viele kleine unabhängige Instanzen in vielen Organisationen und Kreisverbänden, die nach oben verkettet werden. Ich wüsste jetzt z.B. nicht, was Liquid Feeback ‘besser’ können würde als unsere New Democracy Plattform. Wenn die Bürger oder Betreiber unserer Systeme einen Verbesserungs- oder Änderungsvorschlag haben, werden wir unser System anpassen oder ändern – bis New Democracy perfekt passt. Wir wachsen mit den Aufgaben und Anforderungen. Das ist unsere Philosophie.

        Natürlich ist die Grundphilosophie aller Systeme ähnlich. Aber das war es dann auch schon. New Democracy ist ein System von Bürgern für Bürger. Mehr als 20 FDP Kreisverbände und Organisationen haben bereits ND Systeme angemeldet, freigeschaltet oder testen diese Systeme.

        Ich kann verstehen, dass Sie unser System mit LF vergleichen. Aber die Philosophien sind grundsätzlich unterschiedlich. Deshalb noch einmal mein Angebot, Ihnen die Philosophie der New Democracy Plattform in einem persönlichen Gespräch zu erläutern.

        Liebe Grüsse
        Michaela Merz
        Generalsektretärin
        Liberale Basis e.V.

  • wiesseer

    Ich dachte immer dass ein Gewählter Gemeinderat ( Florian Sareiter )
    eben dafür gewählt wurde die Bürger zu informieren
    und deren Meinung im Gemeinderat zu vertreten bzw, durchzusetzen.

    Wem wirft Herr Florian Sareiter ( gewählter Gemeinderat ) also was vor ?

    Sich selbst ????

    Falls wichtige Informationen bisher den Bürger nicht erreicht haben ist er ja wohl selbst auch schuld.

    • http://www.tegernseerstimme.de Tegernseer Stimme

      Hallo Anwohner,

      möglicherweise verwechseln Sie Kurt Sareiter und Florian Sareiter. Der zweite ist (noch) kein Gemeinderat, sondern Vorsitzender des Wiesseer CSU-Ortsverbandes.

      Grüße
      Die Redaktion